Why not walk your talk

Ich sitze im Auditorium des Open Source Summit in Amsterdam. Eine der größten und wichtigsten Konferenzen im Linux-Umfeld. Um mich herum sind die Notebooks aufgeklappt und Leute schreiben wie ich gerade über die Keynote, arbeiten an ihren Programmen oder lesen Emails. Und alle Rechner, bei denen ich auf den Screen schauen kann, sind Windows-Laptops. Oft mit geöffnetem Outlook oder Teams. Die Ambivalenz dieser Konferenz ist überall greifbar.

Auf der Bühne läuft gerade eine der Keynotes, Ryan Waite von Microsoft erklärt, warum die Firma aus Redmond Open Source so sehr liebt (ja, da war ein verstörendes Bild mit Microsoft links und Open Source rechts und dazwischen ein Herzchen). Die Infrastruktur von Azure und damit bspw. MS365 setzt hart auf Tools aus der freien Software auf. Und natürlich ist "upstream first" die neue Mentalität, wenn Code bei Microsoft entwickelt wird. Danach kommt der Nebensatz, dass das dann die Building Blocks für die großartigen "Verbesserungen" der eigenen Software sind. Auf gut deutsch: closed and proprietary and paywalled.

Github wird am Ende einer Folie hervorgehoben, gehört ja auch seit einer ganzen Weile zum Portfolio des Konzerns und wird schleichend immer mehr ein Opfer der allgemeinen Enshittification. Code, der kostenlos hochgeladen wird, ist nur noch Training für KI-Modelle, die wir dann wieder gegen viel Geld lizensieren müssen. Nix mit free, open wird auf einem kleinen Umweg closed.

Ein anderer Talk dreht sich um Open Search, ein Projekt, das von amazon gestartet wurde und nun unter der Apache License von einer Community vorangetrieben wird. Stolz wird der harte Release-Cycle erwähnt, der alle paar Monate pünktlich eine neue Version liefert. Genauso stolz die Folie mit den Nutzern (uber, amazon, ....). Ist hier vielleicht der Trieb ein anderer, nämlich schnellere Innovation durch mindestens teilweise unbezahlte Entwickler zu ermöglichen, um es dann intern weiter nutzen zu können.

Social Und dann ist da noch später am Tag dieser Talk über den Status des yocto-Projects, auch eine wichtige und absolut großartige Initiative. Die letzte Folie, die auf dem Beamer bleibt ist die, mit den Kontaktmöglichkeiten. Unten die Logos der Linux Foundation und des yocto projects. Darüber: Twitter, Discord, Youtube, LinkedIn, Stackoverflow - Alles. Geschlossene. Plattformen. Alles Plattformen, die entweder von Nazis kontrolliert, oder von Großkonzernen geschlossen entwickelt werden und im Regelfall eure Daten für sich behalten, oder zum KI-Training verwenden und zurückverkaufen.

Wann sind wir falsch abgebogen? Wann hat die Free und Open Source Community aufgegeben? Liegt es daran, dass viele der Menschen, die auf dieser Konferenz unterwegs sind, inzwischen als Senior Entwickler arbeiten und daher die Realität der Großkonzerne einfach akzeptiert haben? Dort, wo Slack und MS365 und andere proprietäre Software als "Managemententscheidung" entschuldbar sind.

Wäre es nicht wieder eine Idee, das selbst zu vertreten, was wir "den anderen" nahe bringen wollen? Auch das Firmennotebook mit einem Linux ausstatten, mehr freie Tools nutzen, um die vielen walled gardens zu umgehen - schon alleine aus aktuell politischen Gründen ist dies essentiell. Und ja, das geht, schließlich predigen wir es ja auch in den unzähligen Talks. Der Wechsel ist möglich, muss möglich sein, auch und gerade im Unternehmens- und Verwaltungsumfeld.

Es gibt Initiativen, die hier Hoffnung machen. Also - walk you own talk. Now!